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projektionen im alltagsleben und bewusstsein

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Posted from 161.97.235.130 by Caro on April 15, 2017 at 23:54:53:

In Reply to: projektionen im alltagsleben und bewusstsein posted by kukuma on April 15, 2017 at 16:36:04:

Hallo Kukuma,

> ich möchte dennoch noch ein wenig tiefer gehen, da in diesem kontext dann doch ein fragezeichen für mich übrigbleibt: wenn ich also gewisse gedanken / gefühle auf menschen projiziere, können sie diese nicht fühlen, da sie quasi mein "energiefeld" nicht verlassen und nur mir selbst zugänglich sind.

andere koennen deinen Gefuehle fuehlen, wenn sie dafuer zugaenglich sind. Ihnen ist aber klar, dass es deine Gefuehle sind und nicht ihre, solange sie sie nicht als ihre eigenen annehmen.

Es gibt natuerlich Situationen, besonders in Familien, in denen gegenseitige Projektionen stattfinden und richtige Verstrickungen vorliegen, die sich ueber Jahre oder Jahrzehnte verfestigt haben. Aber auch in diesen Faellen ist es nicht so, dass der Gegenueber die Projektion des anderen annimmt, sondern eher so, dass die Projektion des anderen beim Betroffenen bestimmte EIGENE Assoziationen anspricht, die dafuer sorgen, dass er eigene Gefuehle fuehlt, die er dann wieder auf den anderen projiziert. Beispiel: Ein Vater hatte immer das Gefuehl, nicht gut genug zu sein und sich daher aus der Erziehung seiner Kinder weitgehend rausgehalten. Seine Kinder sah er als "sehr faehig" an, die einen besseren Vater verdient haetten als er. Seine Kinder hingegen nahmen das ganze so wahr, dass ihr Vater sie nicht mag und glaubt, sie seien es nicht wert. Sie empfanden sein Verhalten als arrogant und desinterressiert. Im Laufe der Jahre entwickelten die Kinder Wut auf ihren Vater und machten ihn dafuer verantwortlich, dass sie selbst mit so vielen Defiziten (z.b. weniger Liebe in Kindheit, fehlende Geborgenheit, mangelnder Selbstwert) aufwachsen mussten. Da sie aber nicht offen mit ihrem Vater sprechen, sondern ihn einfach nur beschuldigen, glaubt der Vater, dass er all die Jahre recht gehabt hat als er dachte, es waere besser fuer die Kinder, wenn er sich von ihnen fernhaelt, weil er ihrer nicht wuerdig ist. Er selbst kommt gar nicht auf die Idee, dass seine Selbstwertprobleme mit seiner eigenen Kindheit zu tun haben und nichts mit seinem Dasein als Vater.

An diesem Beispiel kannst du sehen, dass jeder immer nur sich selbst sieht, geformt durch seine eigenen Erlebnisse und Gefuehle, und auch wenn jemand durchaus die Gefuehle eines anderen spueren kann, wird er sie, wenn er sie annimmt, anders bei sich einordnen als das der "Aussendende" fuer sich selbst sieht.

> dies würde für mich praktisch heissen, dass ich zwar sehen könnte, dass ein mensch beispielsweise traurig ist wenn er mich sieht, aber ich würde mit diesem menschen nicht "mitschwingen".

Du siehst nicht, was in dem Menschen vorgeht und WARUM er traurig ist. Nimm an, fuer dich ergaebe es Sinn, das er traurig ist, weil du "Traurigkeit" auf ihn raufprojizierst, dann haben dein Bild (z.B. "er ist traurig, weil er sich schuldig fuehlt mir gegenueber fuer das, was er mir angetan hat und nicht weiss, wie ers zugeben soll") und sein Bild (z.B. "ich bin traurig, weil sie mich staendig beschuldigt") nichts miteinander zu tun, auch wenn sie sich generell um dasselbe Thema drehen moegen (was uebrigens auch nicht immer der Fall ist).

Wenn du mit jemandem wirklich mitschwingst, projizierst du in diesem Moment selbst nicht, laesst dich selbst also komplett raus. Dann siehst du jemanden, der traurig ist und laesst seine Taurigkeit voll auf dich wirken ohne eigene Projektionen.

> daraus folgend könnte ich aus seiner mimik ablesen, dass er traurig ist (ich sehe es "von außen"), aber ich würde es als empathischer mensch nicht fühlen können, da ich aus gründen für ihn eine projektionsfläche werde.

Nein, so ist es nicht.

Deine urspruengliche Frage war, ob Projektionen auf den anderen einen Einfluss haben, und den haben sie nicht. Der andere kann aber durchaus deine Gefuehle spueren, wenn er offen dafuer ist. Er leidet nur nicht darunter, es sei denn er nimmt deine Gefuehle als Anlass fuer eigene Projektionen - das waere dann eine sog. "Triggersituation", in der deine Gefuehle alte Gefuehle von ihm ausloesen, die ihn dann leiden lassen. Aber er leidet dann unter SEINEN Gefuehlen, nicht deinen. Siehe Familienverstrickungen weiter oben.

> jedoch gibt es für mich genauso diese begebenheiten, in denen ich das gefühl habe, eben mit gewissen menschen in resonanz zu gehen. analog zum vorangegangenen beispiel würde ich dann eben die traurigkeit ungefiltert fühlen, und sie breitet sich folgend auch in meinem inneren aus.

Wenn du Gefuehle vom anderen fuehlst, merkst du das in der Regel ziemlich deutlich, denn sie passen in dem Augenblick ueberhaupt nicht zu deinen eigenen Gedanken. Das natuerlich nur, wenn du selbst nicht verstrickt bist (siehe Familenbeispiel oben), nicht projizierst, sondern ganz offen und neutral die Gefuehle des anderen auffaengst.

Du spuerst dann die Gefuehle des anderen, aber sie "tun" nichts in dir. Sie stossen nichts an, und du brauchst sie auch nicht in dein Inneres zu lassen. Laesst du sie in dein Inneres, dann nur, weil sie doch bereits etwas in dir angestossen haben, etwas EIGENES, das vielleicht mit den Gefuehlen des anderen harmoniert. Bei Liebe ist es z.B. der Fall, wenn sie gegenseitig ist. Dann spuerst du die Liebe des anderen, was bei dir innerlich mit deiner eigenen Liebe fuer den anderen resoniert. Alle zwischenmenschlichen Beziehungen, alle Interaktionen mit anderen Menschen sind primaer durch diese Gefuehlanstosserei gekennzeichnet. Wir stossen uns taeglich alle gegenseitig viele Male an, besonders in Familien- und Freundeskreisen. Diese Anstoesse ermoeglichen uns das Erleben und auch Aufarbeiten eigener Gefuehlskomplexe.

> ist dies dann eine "authentische verbindung", in welcher sich die energien von beiden beteiligten vermischen, oder fühle ich in solchen momenten nur so, weil ich den mindstate der anderen person spiegle?

Weder noch, siehe oben. Du fuehlst etwas, der andere fuehlt etwas und eure Energien harmonisieren miteinander, das ist alles. Ihr koennt auch denselben Gedanken zur selben Zeit haben, aber es ist dennoch so, dass du deinen Gedanken hast und der andere seinen.

> gerade in diesem kontext stellt sich für mich eben die frage, wie man "projizieren" und "energien austauschen" voneinander abgrenzen kann.

Wenn du projizierst, siehst du den anderen gar nicht, sondern nur deine Projektion. Du kannst den anderen nur sehen, wenn du dich selbst raushaeltst und einfach nur wahrnimmst. Dann kannst du sehen, was der andere aussendet - und letztendlich entscheidest du dann, ob du das, was der andere aussendet, annehmen willst, ob du resonierst oder nicht, ob du neutral bleiben willst oder dich reinziehen laesst, weil irgendwas eigenes in dir angestossen wurde etc. Wobei diese Entscheidungsfreiheit momentan noch mehr der VS ueberlassen ist als der TS aufgrund des niedrigen Bewusstseins. D.h. fuer dich sind zwischenmenschliche Interaktionen eher etwas, das "dir passiert" als etwas, das du selbst entschieden hast. Das wird sich mit der Zeit im Zuge des Wandels aber aendern.

Liebe Gruesse
Caro

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