Posted from 24.8.41.166 by Peter on March 10, 2010 at 01:04:02:
In Reply to: *** Freie Diskussion ueber den BW-Sprung *** posted by Konny S. on March 09, 2010 at 22:12:24:
Hallo Konny,
danke fuer deinen positiven Kommentar!
> Da ich selber Hartz 4 empfänger bin, erspare ich mir einen Kommentar zu diesem thema. Das würde zu einer politischen Diskussion führen, die hier unpassend ist.
Da ich diesen Thread zur Diskussion freigestellt habe, koennen wir auch gerne ein bisschen politisch werden. :)
Wie du weisst, lebe ich in den USA, somit bin ich natuerlich mit Hartz IV nicht so vertraut wie ein direkt Betroffener. Mein Wohnort hat aber auch den Vorteil, dass ich sehen kann, wie die USA gewisse Probleme loesen.
Ich empfinde die Grundidee, die sich durch das gesamte deutsche Denken zieht, dass naemlich der Staat fuer alles zustaendig sein soll, als aeusserst hinderlich und destruktiv. Sie erzieht die Buerger zur Unmuendigkeit und macht sie hilflos. Aber selbst diejenigen, die noch nicht unmuendig und hilflos sind, koennen sich nicht selbst helfen, da sie ueberall gegen Vorschriften und Gesetze anrennen. Auch ist das Statusdenken in Deutschland sehr ausgepraegt, und auch das ist nicht foerderlich.
Nehmen wir als Beispiel die Aeusserungen der nordrhein-westfaelischen SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft, die forderte, Empfaenger zu gemeinnuetziger Arbeit zu bewegen, und die Reaktion der Gewerkschaften darauf: "Unbezahlte gemeinnuetzige Arbeit sei kein Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit. Noetig sei vielmehr ein staatlich gefoerderter zweiter Arbeitsmarkt mit angemessener Bezahlung".
Hier zeigt sich der krasse Unterschied in der Denkweise zwischen den USA und Deutschland. Waehrend das Volunteering (die freiwillige, gemeinnuetzige Arbeit bei charitativen Institutionen) in den USA allgemein als Sprungbrett angesehen wird, einen guten und dauerhaften Job zu landen, will man in Deutschland eine zusaetzliche Einrichtung, die NICHTS produziert und Arbeitslose nur verwaltet und sinnlos beschaeftigt. Man sieht das doch bei den Job Centers, die nichts auf die Reihe bringen und den Staat nur eine Unmenge Geld kosten!
Nun ist es aber nicht so, dass man in Deutschland amerikanische Methoden einfuehren koennte, denn dazu muesste sich zuerst die deutsche Denkart aendern. Beispiel: In den USA ist es normal, dass man in einer Firma unten anfaengt. Der gute und tuechtige Arbeiter/Angestellte wird sich meist schnell hocharbeiten, seinem Potential entsprechend. Dafuer spricht auch, dass amerikanische Firmen lieber aus den eigenen Reihen rekrutieren als Betriebsfremde einzustellen. Man kennt die Leute dann ja bereits.
Das Annehmen eines Eingangsjobs wird in Deutschland aber als sozialer Abstieg und nicht als Chance angesehen. Hinderlich sind hier auch die deutsche Ausbildungspolitik, d.h. Lehrzeiten und Meisterbriefe. Wer fuer eine bestimmte Taetigkeit keine Ausbildung nachweisen kann, gilt als ungelernt und damit als Hilfsarbeiter, beides ist ein Stigma und negativ. Damit wird Selbststartern die Selbsthilfe verbaut.
In den USA gibt es relativ wenige Langzeitarbeitslose, weil sich ein Arbeitsloser die Arbeitslosigkeit ganz einfach nicht leisten kann. Er wird von sich aus versuchen, IRGENDETWAS zu finden, was ihn moeglichst schnell wieder auf die Beine bringt. Als der damalige Praesident Reagan zigtausend Fluglotsen gefeuert hatte, weil diese einen illegalen Streik durchfuehrten, tauchten diese sehr schnell in anderen Taetigkeitsbereichen unter. Von denen, die ich persoenlich kenne, uebernahm einer einen kleinen Waschsalon mit chemischer Reinigung (natuerlich musste er das erst auf die Schnelle vom Verkaeufer und Vorbesitzer lernen), der andere eroeffnete ein kleines Buerogeschaft und bot den Kunden genau das an, was die grossen Geschaefte nicht anboten. Ein weiterer zog mit seinem Rasenmaeher herum und hat heute eine Firma fuer Gartengestaltung. Was ich damit sagen will, Selbstinitiative ist wichtig und sollte auf keinen Fall behindert, sondern doch eher gefoerdert werden.
Aber hier kommt wieder die schwerfaellige deutsche Denkart in die Quere. In Deutschland nennt man das dann nicht Selbstinitiative, sondern Schwarzarbeit, die unbedingt verhindert werden muss. Dafuer setzt der Staat Beamte ein, weil es durch sie angeblich zu Steuerausfaellen kommt und die Loehne der (noch) Beschaeftigten gefaehrdet seien. Beide Argumente sind m.E. schon im Ansatz falsch. Ich verhindere Steuerausfaelle nicht dadurch, dass ich einem Menschen die Arbeit verbiete, sondern indem ich kontrolliere, ob er sein Einkommen auch versteuert! Das ist die Aufgabe des Finanzamts und dazu muss es sich eben etwas einfallen lassen. Und selbst wenn ein Arbeitsloser, der keine Arbeitslosenunterstuetzung bezieht (diese ist in den USA oft auf nur 90 Tage begrenzt), "vergisst", sein Einkommen zu versteuern, so ist das fuer den amerikanischen Staat noch immer wesentlich billiger als was es den deutschen Staat an Arbeitslosengeld, Job Center Verwaltung, Umschulung, und schliesslich Hartz IV kostet.
Ich kann hier nicht alles anfuehren, was ich in USA - im Vergleich zu Deutschland - fuer sinnvoller halte, deshalb nur noch ein Punkt:
Die meisten Deutschen glauben, dass die USA ein sehr schlechtes soziales Netzt haetten. Geht man rein nach den Anspruechen, die der Einzelne hat, so mag das durchaus stimmen. Trotzdem moechte ich behaupten, dass ich lieber in den USA auf Hilfe angewiesen waere als in Deutschland! Beispiel aus unserer Kleinstadt:
Die Polizei sammelt einen Obdachlosen unter der Bruecke ein und bringt ihn zu einer gemeinnuetzigen Hilfsorganisation. Diese besorgt ihm auf eigene Kosten ein Motel, Essensgutscheine und einen Job. Da er in direktem Kontakt zu seinem freiwilligen Helfer steht, kann er auch gar nicht erst in der Anonymitaet verloren gehen. Ebenso wenig kann die Organisation durch Arbeitsscheue ausgenuetzt werden. Sofern er kooperativ ist und sich auch helfen laesst, hat er binnen weniger Tage nicht nur ein Dach ueber dem Kopf, sondern auch ein Girokonto und Arbeit. Und viele von diesen Leuten waren innerhalb einiger Monate in der Lage, sich dann beruflich hochzuarbeiten, sich ein Apartment zu mieten und wieder auf eigenen Beinen zu stehen.
Und nun vergleichen wir das mit dem deutschen Arbeitslosen. Nicht nur dauert es ewig, bis er in das System eingeschleust ist, er kostet auch nur, ohne dass ihm wirklich geholfen wird! Er wird nur verwaltet. Und wie motivierend wirkt sich das denn auf seine Psyche aus? Da werden 50-Jaehrige als unvermittelbar und zu alt abgeschrieben, waehrend man in anderen Laendern ihre Erfahrung und ihre Talente schaetzt! Ist das aufbauend und foerderlich, oder einfach nur destruktiv? Ich weiss, das hat auch mit Kuendigungsschutz und vielen anderen Dingen zu tun, auf die wir hier gar nicht eingehen koennen.
Natuerlich bringt es unter den gegebenen Umstaenden nichts, wenn sich ein deutscher Hartz IV-Empfaenger gemeinnuetzig betaetigt. Selbst wenn er Fuehrungsqualitaeten aufweisen wuerde, wird ihn die Stadt nicht einstellen. Vielmehr haetten dann andere Angst, dass er im Vergleich zu ihnen zu viel arbeitet und dass sie deshalb unter Druck kaemen. Deutschland hasst eben den Wettbewerb und die Konkurrenz und ist mehr darauf bedacht, dass die, die noch im Trockenen sitzen, ihr Plaetzchen auch schoen verteidigen, anstatt dem Hilfsbeduerftigen wirklich zu HELFEN.
Das war auch der Tenor in meinem Artikel "Gedanken rund ums Bewusstsein". Meiner Meinung nach sollte es ueberhaupt keine Arbeitslosen geben, denn es gibt doch ueberall genug zu tun! Man braucht dazu nur eine andere Sichtweise, Organisation und ein besseres System.
Alles Liebe
Peter