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Re: 54 Jahre alt...

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Beitrag von Carrie am 05 Oktober 2001 um 23:28:22:

Antwort zu: "54 Jahre alt..." beigetragen von Sadness am 05 Oktober 2001 um 20:28:53:

Ich möchte DIR ein MÄRCHEN erzählen, Anke:

“Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlangkam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens. Bei der zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau bückte sich ein wenig und fragte: „Wer bist du?“

Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. „Ich? Ich bin die Traurigkeit“, flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war. „Ach, die Traurigkeit!“ rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßén. „Du kennst mich?“ fragte die Traurigkeit mißtrauisch. „Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet.“ „Ja, aber...“, argwöhnte die Traurigkeit, „warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?“ „Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?“

„Ich...ich bin traurig“, antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.

Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. „Traurig bist du also“, sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. „Erzähl mir doch, was dich bedrückt.“

Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht. „Ach, weißt du“, begann sie zögernd und äußerst verwundert, „es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine BESTIMMUNG; unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest.“

Die Traurigkeit schluckte schwer. „Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie Sagen: Man muss sich nur zusammenreißen. Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen.“

„Oh ja“, bestätigte die alte Frau, „solche Menschen sind mir schon oft begegnet.“

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. „Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haus. Manches Leid bricht wider auf wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zuläßt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen helfe. Statt dessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer der Bitterkeit zu.“ Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt.

Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre _Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. „Weine nur, Traurigkeit“, flüsterte sie liebevoll, „ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt.“

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin. „Aber...aber – wer bist eigentlich du?“

„Ich?“ sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd, und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen. „Ich bin die Hoffnung.“

Anke, ich wünsche Dir ALLES LIEBE ......wirklich von ganzem Herzen !!!

Rita




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Re: 54 Jahre alt...


Beitrag von Sadness am 06 Oktober 2001 um 19:31:47:
Antwort zu: Re: 54 Jahre alt... beigetragen von Carrie am 05 Oktober 2001 um 23:28:22:


Liebe Rita...ein schöne Geschichte wirklich...

Eigentlich müsste sich die Traurigkeit direkt heimisch gefühlt haben die letzten Jahre...und nicht nur wegen meiner mum...sie ist irgendwie ein ständiger Wegbegleiter ja...auch einer den ich schätze, denn ohne sie könnte ich ja auch kein Glück empfinden...

und manchmal tut traurig sein richtig gut, es sind nur die anderen die Probleme damit haben das sie bei mir ist, denn allzuoft wird erwartet das man lacht...oder sprüche wie: nun lass dich doch nicht so gehen, musste ich auch schon oft hören.

naja...meine wichtigen menschen können mich auch traurig um sich haben und das ist es was zählt.

Danke, auch dir alles liebe

Anke


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((((((Rita)))))))))))))


Beitrag von sebastian am 06 Oktober 2001 um 08:24:25:
Antwort zu: Re: 54 Jahre alt... beigetragen von Carrie am 05 Oktober 2001 um 23:28:22:


oh rita.....das passt ja auf sadness voll. ich bekam gaensehaut. ein schoenes "maerchen"!. rita wir sind hier alle stolz auf dich und wie gut du dich gemacht hast. du bist eine bereicherung fuer das forum und fuer alle in not. bitte mach weiter so!!!!

alles liebe sebastian


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Das finde ich auch, Rita! :-)


Beitrag von Selene am 06 Oktober 2001 um 10:25:08:
Antwort zu: ((((((Rita))))))))))))) beigetragen von sebastian am 06 Oktober 2001 um 08:24:25:


das bist du, Rita, eine bereicherung. und das maerchen, das ist wirklich sehr sehr schoen und kann sicher fuer viele menschen ein halt in der traurigkeit.

gruss,
Selene


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